"Glücksbilder" entstehen nur selten
"Malen im Hof" mit der Wiesbadener Künstlerin Christa Moering in Winkel
Winkel. Zum "Malen im Hof" mit der Wiesbadener Künstlerin und Galeristin Christa Moering kamen sieben kunstinteressierte Teilnehmerinnen ins Weingut Geroment.
Von Kurier-Mitarbeiterin Angelika Eder
"Ich find's toll, wenn Kultur ins Hinterland kommt." So kommentierte eine der Teilnehmerinnen das Zusammentreffen mit der Künstlerin Christa Moering. Dieses ungewöhnliche Angebot in der Stadt der Jazzwoche und der literarischen Wein-Lese nahmen sieben Frauen aus der Region wahr, weil sie der Name der bekannten Malerin, Galeristin und Ehrenbürgerin Wiesbadens gelock hatte.
Miriam Hartmann-Rösch, die im Gegensatz zu den anderen sechs Hobbymalerin schon durch ihre Ausstattung als Profi zu erkennen war, wollte die Gelegenheit nutzen, um eigene Werke von der Kunstkennerin begutachten zu lassen: Mit der Bitte um den "geschätzten Kommentar" legte die gelernte Innenarchitektin, die derzeit Studienteilnehmerin an der Kunstwerkstatt Mainz ist, Moering Aquarelle, Acrylbilder und Zeichnungen vor. Die von ihr bewunderte Künstlerin, die 1958 das erste Atelier in Wiesbaden eröffnet und über vier Jahrzehnte viele namhafte Maler, Zeichner, Bildhauer und Fotografen gefördert hatte, lobte die "beinah erzählerische Seite" der 37-Jährigen, der Naturstimmungen ganz besonders lägen.
Wer sich als Hobbymaler oder gar blutiger Anfänger jedoch theoretische Grundlagen und handfeste praktische Hilfestellungen von "Malen im Hof" versprochen hatte, wurde tief enttäuscht: Die 85-Jährige beschränkte sich neben einer kurzen Einführung über Farben auf abschließende Minimalkommentare zu den Bildern der Teilnehmerinnen. Theorie könne auch vieles zerstören. Deshalb beneide sie manchmal Maler ohne Ausbildung, und deshalb lasse sie ihre Schüler oft erst einmal völlig unbeeinflusst malen.
So handhabte sie es auch während der fünfstündigen Veranstaltung in Winkel: Zunächst gingen die Lernbegierigen auf Motivsuche: Die nach eigenen Aussagen kopflastige Informatikerin Helga Meyer wählte ein vor ihr aufgebautes Stilleben mit Vase, alle anderen, darunter Hannelore Grundel aus Oestrich-Winkel und Ingeborg Oehme aus Wiesbaden, entschieden sich für malerische Winkel des Innenhofes mit Stufen, Mauervorsprüngen, Torbögen und Pflanztrögen. Während die Teilnehmerinnen im Alter von 37 bis 77 Jahren mit Stift, Radiergummi und Block zugange waren und zwischendurch über missglückte Perspektiven ächzten, äußerte sich Moering zu ihren Ansprüchen an Kunstwerke: "Spontaneität beglückt mich, aber sie befriedigt mich nicht."
Nur wenn das Ergebnis von Spontaneität zugleich Malgesetzen entspreche, entstehe ein "Glücksbild". Auch wenn keine Glücksbilder entstanden, sollte die Idee Schule machen, in inspirierenden Weingutshöfen nicht nur Musik, Theater oder Winzerspezialitäten zu komsumieren, sondern selbst kreativ tätig werden. Dabei hoffen die Lernwilligen aber auch, angemessen von Wissen und Fähigkeiten des Künstlers profitieren zu können.
(Wiesbadener Kurier/Rheingau, 23.08.2002)